Der Sache einen Namen geben

Man könnte in Bezug auf Nadja Nafes Arbeiten über Vieles sprechen, ich werde mich aber soweit es geht auf einen Aspekt konzentrieren, der, so denke ich, der Quell oder Ursprung des “Mannigfaltigen” ist, das sich auf den Bildern und im Sprechen über sie findet.
Dieser Quell deutet sich bereits im Titel, der von der Künstlerin selbst stammt, an:
“der Sache einen Namen geben”
Nichts erscheint einfacher – banaler als dies. Wir geben den Dingen Namen, wir wissen wie sie heißen. Und doch fehlen uns manchmal die Worte. Das in seinem Ursprung willkürliche Verhältnis von Wort, als dem Bezeichnenden, und der Sache als dem Bezeichneten, das gesellschaftlich standardisiert und zugleich in Grenzen veränderbar ist, erweist sich von Zeit zu Zeit als brüchig. In diesen Momenten verliert Sprache und mit ihr auch Welt ihre Selbstverständlichkeit. Sie wird durchscheinend und hinterfragbar als von Menschen gemachtes und in seiner Anwendung immer wieder aktualisiertes Konstrukt, das mit der Welt eben nicht zusammenfällt, sich nicht in Mimesis erschöpft, sondern gerade in der Differenz von Sprache und Welt eine dem Menschen eigene Schöpfung ermöglicht.
So wenig wie Sprache und Welt ineinander Fallen, so wenig stimmen Realität und vermeintliches Abbild überein. Immer war auch eine realistische Kunst eine Abstraktion, und sei es nur die Übertragung einer dreidimensionalen Realität in eine zweidimensionale Fläche. Aber erst die Aufgabe des Anspruchs Realität wiederzugeben, zugunsten einer Identität von Form und Inhalt, ermöglichte dem Kunstwerk Selbstreflexivität.
Bildende Kunst kann in diesem Sinne zweifach abstrakt sein. Zunächst grundlegend als Kunst, zum anderen als abstrakte Kunst, die auf sich selbst verweist und auf die wir verweisen, wenn wir von “Abstraktion” sprechen.
Betrachten wir Nadja Nafes Arbeiten, so lassen sie sich nicht klar auf ein Paradigma festlegen. Die satte und gedämpfte Farbigkeit, der mal starke mal weich lasierende Pinselstrich, die Überlappung der Trägermedien in den Papierarbeiten – sie nehmen Bezug auf ihre eigene Materialität, den Entstehungsprozess, ihre innere Strukturierung. Immer wieder begegnen wir Rastern, eingespannt in die, durch den Rahmen gesetzten, Grenzen des Bildes. In ihnen tritt die Flächigkeit der einzelnen Arbeit zu Tage. Die Rahmen ergänzen sie, geben ihnen Abschluss und Halt und betonen ihre eigenständige Objekthaftigkeit.
Und doch kippt die Fläche in Tiefe. Die Raster gewähren Durch- und Einblicke. Der Rahmen suggeriert mehr Ausschnitt und Einsicht als Abgeschlossenheit. Leiber, Gegenstände tauchen aus der Abstraktion auf. Wir erkennen sie, ohne sie abschließend definieren oder eindeutig von ihrem Umraum scheiden zu können. In ihrer gegenseitigen Nähe kippen Figuration und Abstraktion immer wieder ineinander und reflektieren so, über jedes plumpe Ausspielen des einen gegen das andere, die Möglichkeiten der Malerei. Es sind die Grenzverläufe, verstanden als Berührungspunkte, in denen es zur Umkehr kommt, die das Zentrum der nafschen Arbeiten markieren.
Sie sind somit Figuration und Abstraktion, Objekt in der Welt und Welt eigenen Rechts. Sie entspringen einer Schöpfung parallel zur Natur und bleiben doch immer auf diese verwiesen.
Die Mannigfaltigkeit der nafschen Arbeiten und die vielfältigen Möglichkeiten über diese zu sprechen, beruhen somit auf einer Gratwanderung zwischen Figuration und Abstraktion. Wir sehen im Übergang begriffene Dinge, die vom Bild angebotene Orientierung ist wechselhaft, schwankend.
Was ist es, was wir sehen?
Wie wollen wir es nennen?
Die Nichtidentität von Welt und Kunst aber auch Kunst und Sprache tritt zu Tage. Denn die Darstellung hat sich von einer eindeutigen Benennung und Bedeutung emanzipiert. Im prozesshaften Zusammenspiel von Andeutung und Auflösung, von Figuration und Abstraktion, bleibt ein nicht mit den Mitteln der Sprache einzuholendes Anderes über. Vielleicht ist dieses Andere gerade das, worüber wir versuchen zu reden, wenn wir von “Atmosphäre” und “Erinnerung” sprechen. Somit verlangen Nadja Nafes Arbeiten nach Sehen und tätigem Umgang. Sie öffnen sich den Assoziationen des Betrachters immer wieder neu.

Julia Gerber