Legalized – über die rezeptfreie Erweiterung der Sinne

zur Kunst von Nadja Nafe

Wahrnehmung ist das Erfassen von Eindrücken und Informationen, sowie das Filtern und Zusammenführen eben dieser Reize. Das klingt recht einfach und zunächst eher trocken. Und doch ist die (unterschiedliche) Wahrnehmung bis heute eines der faszinierendsten Geheimnisse der Psyche. Wahrnehmung läßt sich nicht einfangen oder in Schubladen stecken, im Gegenteil: Flüchtigkeit ist ihre größte Konstante.

Genau dessen wird man gewahr, läßt man sich näher auf die Kunst von Nadja Nafe ein: Ihr Arbeitsprozeß ist geprägt von den Gegenpolen „Aufbauen“ und „Auflösen“. Diese Art, die Werke entstehen zu lassen, spiegelt sich in der Wahrnehmung des Betrachters entsprechend wieder: kaum glaubt man, eine konkrete Form, räumliche Situation oder Komposition erfaßt zu haben, entzieht sie sich umgehend auch schon wieder. Denn jedes Werk Nafes besteht aus unzähligen Möglichkeiten, es in Ordnungssysteme einzuteilen. Diese offenen Möglichkeiten des „Lesens“ einer Arbeit der Künstlerin führen letztendlich zu sehr unterschiedlichen formalen Interpretationen - ähnlich den mannigfaltigen Ansichten ein und desselben Dinges mit und ohne Mikroskop als Makro- und Mikrokosmos.

Nadja Nafe kombiniert ihre Malerei, welche aus geometrischen Formen und freien Elementen aufgebaut ist, zusätzlich mit gedruckten Passagen. Alleine für sich stehend sind es wohlbekannte künstlerische Elemente. Jedoch in der Synthese schaffen sie etwas Neues und machen somit als bildgewordene Aussage den Paradigmenstreit von „gegenständlich“ und „abstrakt“ überflüssig. Diese Neuinterpretation des Tradierten inspiriert und regt den Betrachter zu neuen Sichtweisen an – im Idealfall auf die Kunst und auf das Leben.

Die Integration gedruckter Partien stellt darüber hinaus eine Erweiterung des graphischen Repertoires im Medium Malerei dar. In den jüngsten Werken kommt die Technik der Papiercollage zusätzlich hinzu: Hauchdünnes Papier wird über Partien des Bildes gelegt. Vom Prinzip her einem Vorhang gleich, welcher zur selben Zeit durchsichtig und opak ist. Es liegt in den Möglichkeiten dieses Vorhangs, gleichzeitig zu verstecken und zu präsentieren. Die Integration von Druck und Collage können im Werk von Nadja Nafe unter anderem auch als Ausbrechen aus dem „Rahmen“ des klassischen Ölbildes interpretiert werden.

In einigen aktuellen Papierarbeiten, die sich aus einer an der Decke befestigten Rolle ergießen, geht Nadja Nafe sogar noch weiter: Die Künstlerin läßt ein der sogenannten „Flachware“ zugeordnetes künstlerisches Medium tatsächlich den Raum erobern. Auch ist diese Präsentationsform sehr ungewöhnlich, müssen doch Papierarbeiten in der landläufigen Vorstellung durch entsprechende Rahmen einerseits geschützt, andererseits aber auch aufgewertet werden.

Ein weiteres Mittel zur Sprengung der Begrenzung durch die zwei Dimensionen ist die Schaffung räumlicher Illusion durch Farbe, das weiß man spätestens seit Johann Wolfgang von Goethe. Doch auch ein anderes Zitat des deutschen Dichters scheint wie geschaffen zur näheren Erfassung der Arbeitsweise von Nadja Nafe:

„Die stärkste Farbe findet ihr Gleichgewicht, aber nur wieder in einer anderen starken Farbe, und nur wer seiner Sache gewiß wäre, wagte sie nebeneinander zu setzen.“

Ihrer Sache demnach sehr gewiß setzt die Künstlerin gerne Farben in eigentümlich schräger Kombination nebeneinander – und löst das, was vermeintlich nicht passend ist, durch das Hinzufügen weiterer Elemente letztendlich wiederum in Harmonie auf. Wenngleich es immer eine sehr besondere Art der Harmonie bleibt. Durch diese ungewöhnlichen Farbkombinationen kommt es zu einer ständig wechselnden, räumlichen Illusion von Nähe und Ferne; aber auch von Wärme und Kälte, Hochstimmung und Melancholie.

Somit schließt sich der Kreis und endet auch dieser Text: Veränderung ist eben das einzig Verläßliche, wie schon Heraklit um 500 vor Christus erkannte. Bleiben wir also offen und lassen uns auf die diversen Möglichkeiten zum Entdecken und Entwickeln unserer Wahrnehmung ein. Unter anderem im Angesicht der Werke Nadja Nafes.

Julia Ritterskamp, November 2014