Notiz zur Wirklichkeit betitelt Nadja Nafe Ihre Ausstellung. Sie sieht ihre Arbeiten also offensichtlich als locker hingeworfenen Kommentar zu etwas, das die größten Philosophen nicht zu fassen und zu erklären vermochten. So bringt Paul Watzlawick in einem 1997 geführten Interview als Beispiel zum Thema der Wirklichkeit, daß er bei seinem Aufenthalt in Bombay Swamis getroffen hat, die in Indien als heilige, weise Männer verehrt werden. Im Okzident hingegen mit der Diagnose “katatonische Schizophrenie” höchstwahrscheinlich in Sicherheitsverwahrung gegeben würden. Was ist also Wirklichkeit, was ist richtig und wahr, beziehungsweise falsch und unwahr? Vielleicht gehen wir geschichtlich etwas weiter zurück zum Ursprung des Wortes “Wirklichkeit”, das durch den mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart als Übersetzung des lateinischen actualitas eingeführt wurde. In diesem Wort ist der Begriff der Handlung (actus) immanent und so auch ein Bezug zu etwas Gegenwärtigem (“Aktuellen”) gegeben. Also könnte man den von der Künstlerin gewählten Ausstellungstitel als einen Kommentar zur Gegenwart lesen?
Diese Idee ist für mich durchaus schlüssig, betrachtet man die Arbeiten von Nadja Nafe eingehender. Der Kommentar zur Gegenwart ist jedoch nicht in einem konkret politischen Sinne zu verstehen, in der sich Kunst in vergangenen Zeiten teils mit gesellschaftlicher Realität auseinandergesetzt hat, sondern vielmehr als seismographischer Prozeß des Sich-Herantastens an menschliche Wahrnehmungsprozesse zu verstehen. Dies geschieht durch ein dialektisches Ausloten von einander scheinbar entgegengesetzten Möglichkeiten bis an die Grenze, aber eben ganz genau auch nur bis dorthin. Es wird nicht verletzt, provoziert, sondern die Malerin balanciert es in ihren Werken genau bis zum Punkt aus, an welchem es im Anschluß kippen würde.
Will meinen: wir sehen hier ordnende Rasterstrukturen, teilweise gemalt, teilweise gedruckt, die den Bildern ein Gerüst geben. Ordnung ist ein Prinzip der Natur, die Raster erinnern uns an Bienenwaben oder molekulare Strukturen, wie man sie unter einem Mikroskop sehen kann. Doch dies ist nur die eine Seite der Natur. Ebenso ist größtmögliche Freiheit, Ausdehnung des eigenen Raumes, bis hin zum Chaos in der Natur der Dinge angelegt. Nadja Nafe bringt diese zwei unterschiedlichen Prinzipien in ihren Arbeiten zusammen, läßt sie gewissermaßen im virtuellen Boxring aufeinander los, den die Leinwand darstellt. Was passiert? Freie Farb-Formen breiten sich über und unter den Rastern aus. Sie verweben sich, verbinden sich, begrenzen und ergänzen sich. Mannigfaltige Formen der Auseinandersetzung treten zu Tage.
Die menschliche Sehgewohnheit klammert sich jetzt aus guter alter Gewohnheit an scheinbar dechiffrierbare Elemente: ist ein Pferd erkennbar, eine Pflanze, ein Geißbock? Versucht der Geist diese jedoch konkret zu greifen, fallen die vermeintlichen Formzusammenhänge so schnell auseinander, wie sie sich kurz zuvor vor dem inneren Auge zusammengefügt haben. Der Fokus auf das Erkennen ordnet sich jetzt dem Fokus auf das reine Sehen unter: Das “Was ist gemalt? ” weicht dem “Wie ist es gemalt? ” Die Malerei an sich rückt somit in den Vordergrund – das möglicherweise dargestellte Ding verliert an Bedeutung. Es weicht zugunsten einer Art höheren Erkenntnis, die diffuser ist, aber sich an größere Themen heranwagt.
Auch hinsichtlich der gewählten Farbtöne fügt Nadja Nafe dem Sehen durch ihre Kunst eine “Notiz zur Wirklichkeit” hinzu. Gemeinhin glaubt man, eine Vorstellung davon zu haben, welche Farben zueinander passen – und welche eben nicht. Doch ist das Schickliche an möglichen Farbzusammenstellungen schon zwischen Mitteleuropäern durchaus umstritten – ich führe hier die Vorliebe italienischer Männer für braune Schuhe zum blauen Anzug an, eine Kombination, welche die meisten deutschen Exemplare der Gattung Mann zum Kopfschütteln bringt, wird es nochmals ganz anders, schaut man auf andere Kontinente.
Nafe setzt dem noch eins drauf. Mit Vorliebe kombiniert sie Töne, die in unserer engen Vorstellung zunächst als unvereinbar gelten, löst diese Reibung im Anschluß jedoch souverän wieder auf. Beispielsweise indem sie einen weiteren Farbklang hinzufügt – und plötzlich wird ein Schuh daraus. Sie fordert den Betrachter heraus um ihm aber zur selben Zeit versöhnlich eine Lösungsmöglichkeit an die Hand zu geben – vorausgesetzt, eine generelle Bereitschaft, sich tiefer auf das Bild einzulassen ist vorhanden.
Räumlichkeit entsteht bei den Arbeiten von Nadja Nafe nicht durch das 1426 erstmals von Masaccio in Florenz angewandte mathematische Prinzip der Zentralperspektive, auch nicht durch “Bläuung” oder das sfumato, wodurch im Anschluß Künstler von Leonardo bis Runge Entfernung suggerierten, sondern durch das Setzen von Malerischen Feldern vor und hinter das Raster, sowie durch die Wahl der Farbtöne. In ihren Werken existiert kein Vorder-, Mittel- und Hintergrund, vielmehr finden sich im Bild reine Form und Farbe, sowie ein die amorphen Farbflächen umgebenden, nicht näher definierter “Umraum”. Hierdurch bleibt wesentlich mehr Spielraum für den Betrachter, in das Bild einzutauchen, es selbst durch ein Abtasten mit dem Blick zu erfahren.
Hinsichtlich der Technik nimmt sich die Künstlerin alle Freiheiten, Druck durchdringt sich mit Malerei in Öl und Lack; gearbeitet wird auf Nessel, Leinwand und Papier. Neben den neuesten, teilweise großformatigen Bildern nehmen Collagen aktuell einen besonderen Platz im Schaffen der Künstlerin ein. Die in Hinblick auf die Malerei beschriebenen Ebenen werden hier noch erweitert: um die tatsächliche, die sich ergibt, wenn mehrere Schichten Papier übereinander gelegt werden und um die Ebene der sehr speziellen Rahmung. In den zum Werk gehörenden, aus Pappanschnitt von der Künstlerin gefertigten Rahmen wiederholt sich eine Wabenstruktur, die in den Bildern als Raster auftaucht. Nafe löst ein ganz praktisches Problem vieler Künstler, die Papierarbeiten angemessen präsentieren möchten und fügt so gleichzeitig ihren Collagen eine weitere künstlerische Dimension hinzu.
Vertrautes unvertraut sehen: aus einem Stück Pappkarton, im Alltag für uns selbstverständlich und unbeachtet, wird durch die Vorstellungskraft der Künstlerin ein Rahmen, der plötzlich unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen und eine Erweiterung des Blickes beim Rundgang durch die Ausstellung. Vielen Dank!

Julia Ritterskamp